Als Verhaltensabhängigkeit, Verhaltenssucht oder Substanzungebundene Abhängigkeit wird bezeichnet, wenn ein Mensch eine bestimmte, (zunächst) positiv-bewertete Verhaltensweise nicht mehr selbstständig regulieren kann und diese infolge oft sehr exzessiv auslebt.

Der Begriff der Verhaltensabhängigkeit ist in der Psychologie kein allgemein anerkanntes Konzept, weshalb auch die genaue Definition strittig ist.

Abgrenzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Substanzungebunden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Verhaltensabhängigkeiten grenzen sich insofern von den Substanzabhängigkeiten ab, als dass das Verhalten keinen Substanzkonsum beinhaltet. Allerdings werden Abhängigkeiten in Zusammenhang mit Nahrungsmitteln (Schokoladensucht, Zuckersucht) z.T. eher den Verhaltensabhängigkeiten zugeordnet, da diese Substanzen nicht den Drogen zugeordnet werden.

Die Zuordnung der Polytoxikomanie zu den substanzgebundenen Abhängigkeiten erscheint z.T. schwierig, da hierbei oft keine spezielle Wirkstoffgruppe im Fokus steht, sondern eher das Verhalten des Drogenkonsums im Allgemeinen.

Es ist auch streitbar ob psychologische Drogenabhängigkeit nicht eher eine Abhängigkeit von einer Verhaltensweise entspricht, da diese noch fortdauert, wenn die körperliche Abhängigkeit überwunden ist.

Zu einigen Verhaltensabhängigkeiten gibt es wiederum die Vermutung, dass ihnen besondere neurochemische Prozesse zu Grunde liegen, welche etwa die Ausschüttung von "Glückshormonen" direkt bewirken und ob es sich hierbei nicht um eine Abhängigkeit von körpereigenen Drogen handelt. Beispielsweise werden Sportsucht ("Runners High"), Bräunungssucht oder Selbstverletzenden Verhalten mit Endorphinen in Verbindung gebracht. (vgl. auch Adrenalinjunkie).

Zwang und Sucht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sucht beinhaltet fast immer auch zwanghaftes Verhalten, so dass eine Abgrenzung von Verhaltensabhängigkeit zu den Zwangsstörungen häufig sehr unscharf ist. Als abgrenzendes Merkmal wird z.T. verwendet, dass abhängigmachende Verhaltensweisen meist ursprünglich das Belohnungssystem ansprechen (z.B. Sexualität, Essen), während dies bei Zwangsstörungen nicht immer der Fall ist (z.B. Wasch-Zwang, Kontroll-Zwang).

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da Verhaltensabhängigkeiten kein allgemein annerkanntes Konzept darstellen, können sich ihre Merkmale stark unterscheiden, je nachdem wer sie definiert. Für die Behandlungsbedürftigkeit wird häufig der Leidensdruck der Betroffenen als Kriterium herangezogen, d.h. das sich die Betroffenen negativer Konsquenzen ihrers Verhaltens bewusst sind, dieses aber nicht selbstständig regulieren können.

Populärwissenschaftlich wird z.T. die Intensität des Verhaltens als Kriterium genannt, etwa die Dauer pro Tag die ein Mensch mit einem Medium verbringt bei Mediensucht oder die Häufigkeit von Sexualkontakten bei Sexsucht. Hierbei besteht allerdings das Risiko, das Menschen ohne Leidensdruck dafür pathologisiert werden, dass sie sich nicht den gesellschaftlich-moralischen Standards entsprechend verhalten.

Orientiert man sich an Substanzabhängigkeiten, so ergeben sich folgende Merkmale für Verhaltensabhängigkeiten:

  • Craving, es besteht ein häufig auftretender Drang zum Verhalten.
  • Kontrollverlust, das Verhalten wird häufig im größeren Maße und/oder länger als anfänglich beabsichtigt vorgenommen.
  • Beschaffungszwang, es wird viel Zeit auf Aktivitäten aufgewendet, die dem weiterbetreiben des Verhaltens dienen.
  • Vernachlässigung anderer Lebensbereiche, wichtige soziale, berufliche oder freizeitliche Aktivitäten werden zu Gunsten des Verhaltens aufgegeben oder eingeschränkt.
  • Schuldgefühle, das Verhalten wird fortgesetzt trotz des Bewusstseins von dadurch verursachten Problemen.
  • Erfolgloser Wunsch nach das Verhalten aufzugeben oder einzuschränken, es gibt den anhaltenden, aber erfolglosen Wunsch oder erfolglose Versuche, das Verhalten zu verringern oder zu kontrollieren.

Eine Behandlung von Verhaltensabhängigkeit ist oft problematisch, da es im Gegensatz zu Substanzabhängigkeiten oft keine totale Abstinenz zum Verhalten gibt. Der Betroffene muss also meist zu einem kontrollierten Umgang mit dem Verhalten zurückfinden.

Oftmals muss auch weitergehend nach Ursachen für das problematische Verhalten gesucht werden, wofür die gesamten Lebensumstände des Abhängigen betrachtet werden.

Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Verhaltensabhängigkeiten sind als psychologisches Krankheitsbild umstritten, z.T. finden Überschneidungen zu andere Krankheitsbildern, wie etwa Zwangsstörungen, statt.

  • Arbeitssucht / Workaholism
  • Kaufsucht
  • Sportsucht
  • Pathologisches Stehlen / Kleptomanie
  • Selbst-verletzendes Verhalten in Stresssituationen wird manchmal als addiktiv betrachtet.
  • Spielsucht
  • Liebes- & Sexualstörungen
    • Liebessucht, zwanghafte Suche nach Liebesbeziehungen
    • Sexsucht / Nymphomanie
    • Pornosucht
  • Sammelsucht
    • Messie-Syndrom
  • Essstörungen
  • Mediensucht
    • Lesesucht
    • Internetabhängigkeit / Online-Sucht
      • Onlinespielsucht
    • Pornosucht
  • Selbstoptimierungs-Süchte
    • Bräungssucht / Tanorexie
    • Essstörungen wie Magersucht (Anorexia nervosa) und Bulimie
    • Sucht nach Schönheitsoperationen (häufig in Zusammenhang mit Dysmorphophobie)

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Medienhysterien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verhaltensabhängigkeiten sind zum Teil Thema von Medienhysterien oder "Moralischer Panik". Neue gesellschaftliche Entwicklungen und Trends, sowie das Verhalten von Minderheiten, welche den etablierten Werten und Traditionen widersprechen, werden oft von der Mehrheitsgesellschaft als gefährlich betrachtet und Menschen, die intensiv an ihnen teilnehmen, werden als seltsam oder pathologisch betrachtet.

Beispielsweise würde jemand der seine ganze Freizeit mit Fußballspiel verbringt kaum in den Verdacht der Sportsucht geraten, jemand der statt dessen die relativ neuen Computerspiele spielt hingegen schon.

Die historische Pathologisierung von Masturbation oder Homosexualität seitens der Psychologie und Medizin zeigen auch, dass auch diese Wissenschaftszweige oft von den Werturteilen ihrer Zeit beeinflusst sind und diese vermeintlich wissenschaftlich zu unterfüttern versuchen.

Ein weiteres Beispiel ist die Ende des 18. Jahrhunderts gefürchtete 'Lesesucht' oder 'Lesewut'.

Widerspruch zwischen Verhalten und Moral[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es lässt sich auch beobachten, dass die Selbstwahrnehmung als 'Abhängig' manchmal stärker von dem eigenen moralischen Hintergrund bedingt ist, als von der Exposition zu dem Verhalten. Beispielsweise werden Pornokonsumenten sich eher als süchtig betrachten, wenn für sie Pornos aus moralischen oder religiösen Gründen negativ bewertet sind [1].

siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Referenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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